Famagusta

File 353Die einst größte und schillerndste Stadt der Insel Zypern war die Hafenstadt Famagusta. Nicht nur weil sie Lieblingsziel aller Zypernurlauber vor der Teilung 1974 war, die die Strände um Famagusta als die schönsten der ganzen Insel bezeichneten, sondern vor allem wegen ihrer vielschichtigen und bewegten Geschichte. Mit viel Wehmut muss man heute feststellen, dass diese Stadt einfach das Pech hatte auf der anderen Seite der Green Line zu liegen, denn Denkmalpflege und deren Finanzierung stehen in Nordzypern leider nicht an erster Stelle. So verfallen kulturelle Schätze, Zeugnisse von unschätzbarem Wert, die von Epochen berichten wie dem Mittelalter, wo die Stadt als reichste und schönste im ganzen Mittelmeerraum galt. Mit prächtigem Skulpturenschmuck verzierte Paläste und Adelshäuser und mehr als 350 Kirchen soll es gegeben haben. Kaufleute aus Syrien, Byzanz, Frankreich, Italien und Armenien katapultierten den Hafen mit ihren Geschäften seinerzeit zum größten Umschlagplatz in der Levante. Schriftliche Quellen aus der Zeit um 1300 berichten vom Reichtum der Bürger, vom Kaufmann bis zur Kurtisane.

Wenn solch ein Reichtum nicht ausreichend geschützt wird, werden schnell andere darauf aufmerksam und so plünderten zuerst die Genuesen, später die Venezianer und um 1571 eroberten schließlich die Osmanen Famagusta als letzte Festung auf ganz Zypern. Was an historischen Denkmälern noch stand, wurde zudem im 19. Jh. von den Briten zum Steinbruch erklärt, tonnenweise Steine wurden in die neue Kolonie Ägypten transportiert um den Hafen von Alexandria auszubauen.

Mit all diesem geschichtlichen Hintergrund fordert Famagusta seine Besucher geradezu heraus, sich auf die Suche nach historischen Raritäten zu machen. Denn es gibt sie noch: Die Venezianer verstärkten einst die Stadtmauer gegen die vorherrschende Osmanengefahr. Sowohl zu Land als auch zu Wasser entstanden bis zu 8 m dicke und über 15m hohe Befestigungsmauern mit mehreren Bastionen und Türmen. Die rechteckige Anlage kann heute komplett umschritten werden und bietet fantastische Ausblicke von den Türmen auf die umliegende, etwas morbide anmutende Stadt. Zwischen Obsthainen und Gemüsegärten erblickt man etliche mittelalterliche Kirchen und Kapellen, zum großen Teil verfallen, zum Teil sind sie zu Moscheen und Badehäusern umgestaltet worden.

Die Altstadt besteht aus verwinkelten Gassen, teilweise noch mit kräftigen mittelalterlichen Bögen überspannt, teilweise aber auch mit niedrigen baufälligen Häusern. Kleine Werkstätten, eine überschaubare Anzahl an Souvenirläden, Lebensmittel- und Gewürzgeschäfte sind dort zu finden. Am Seetor unten am Hafen werden Handwerksarbeiten wie Teppiche, Kupfer- und Silberarbeiten sowie Schmuck angeboten. Das marmorne Seetor schmückt eine überlebensgroße Löwenskulptur – der Markuslöwe – einst ein repräsentatives Element der venezianischen Herrschaft. In unmittelbarer Nähe befindet sich der sogenannte Othello-Turm, der seinen Namen trägt, weil Shakespeare diese Kulisse für seine um 1603 geschriebene Tragödie nutzte.

Zu den noch erhaltenen und sehenswerten Kirchen in Famagusta zählen die Kreuzkuppelkirche des heiligen Nikolaus, die direkt nach der osmanischen Eroberung in eine Moschee mit Minarett umgewandelt wurde, in ihrer äußerlichen Gestalt aber noch als gotisches Bauwerk mit Spitzbögen, Maßwerk und Strebewerk deutlich und schön erkennbar ist. Gegenüber dieser heutigen Lala Mustafa Pasha-Moschee befinden sich die Reste des venezianischen Gouveneurspalastes, die noch aus einem Renaissance-Portal mit vier Granitsäulen aus dem antiken Salamis bestehen. Hinter dem venezianischen Palast befindet sich die ehemalige Kirche der heiligen Petrus und Paulus, ein frühgotisches Bauwerk, dass ebenfalls als Moschee diente, unter den Engländern zum Getreidespeicher verarmte und heute die städtische Bibliothek beherbergt. Weitere profane Umwandlungen von christlichen Bauten: Die Kirche der Nestorianer (heute eine Universität), die Doppelkirche des Templer- und Johanniterordens (heute Heimat eines lokalen Kunstvereins) und die Kirche der Franziskaner (wechselnde öffentliche Einrichtungen).